16. Jahrgang des IMF Lípa Musica

Das Internationale Musikfestival Lípa Musica vollendete  2016 das 15. Jubiläumsjahr. Aus einem Festival, das ursprünglich dramaturgisch auf das Erbe geistlicher Musik und geographisch auf die Region Česká Lípa ausgerichtet war, entwickelte sich mit der Zeit eine internationale Musikveranstaltung, die das Erbe der klassischen Musik in der ganzen Bandbreite einbezieht und es durch die Genres des Musiktheaters, des Balletts, des Tanzes und auch nichtklassische musikalische Richtungen ergänzt (besonders Jazz, alternative und Weltmusik). Die regionale Verankerung erweiterte sich auf zwei Bezirke und das grenznahe Ausland. Die zentrale programmatische Idee des Festivals kristallisierte sich dadurch heraus, dass wir uns die Rolle dieser kulturellen Institution in einer Region bewusst machten, deren Identität aus dem Aufeinandertreffen von Kulturen entstand und die zugleich dessen Opfer wurde. Die Sudetenfrage evoziert bis heute die Notwendigkeit, die grundlegenden menschlichen Werte und das Zusammengehörigkeitsgefühl zu stärken und freundschaftlichen Dialog, gegenseitiges Verstehen und Respekt zu fördern. Mit den Mitteln des musikalischen Dialogs und des kulturellen Austauschs entstehen nicht nur eine natürliche Plattform, sondern auch positive Stimuli für eine Kultivierung des gesellschaftlichen Dialogs. Und auf eben diesem Gebiet sieht das Festival seine wichtigste Berufung, weshalb es auch die nächste Etappe mit dem Vorsatz beginnt, die deutsch-tschechische kulturelle Zusammenarbeit zu stärken und zu vertiefen. Was die Gebiete Interpretation und Programm betrifft, so ist die Kooperation einer Persönlichkeit wie Radek Baborák, des weltbekannten und berühmten Hornisten und Dirigenten, ein klarer Schritt vorwärts, denn er beteiligt sich einerseits in den kommenden Jahren an der Ausarbeitung des Festivalprogramms, ist aber auch selbst aktiv als Solist und Kammermusiker und zudem Garant eines eigenen Festivalorchesters. Das Festival erreicht daher mit dem Abschluss des 15. Jahrgangs eine neue Stufe der Internationalität mit der Einbeziehung einer Rekordzahl von Konzerten, die außerhalb der Tschechischen Republik stattfinden, und dem Erreichen eines höheren dramaturgischen Niveaus, durch die Stärkung der eigenen dramaturgischen Reihe und die Schaffung eines eigenen Festivalorchesters, das ein Markenzeichen entwickelter Festivals ist.

Dem 16. Jahrgang geht im August ein Prolog voraus, der traditionsgemäß in den Ruinen des gotischen Klosters auf der Burg Oybin in Sachsen stattfindet, wobei einer der Spitzenrepräsentanten der jungen Generation unserer Geigerschule, der Konzertmeister der Tschechischen Philharmonie, Jiří Vodička, in Begleitung eines Kammerorchesters der Philharmonie auftritt.

Die eigentliche Konzertreihe des Festivals startet 2017 mit dem Projekt „Requiem for a pink Moon“ des ausgezeichneten deutschen Bassisten und Lautenspielers Joel Fredericksen, das er mit dem Ensemble Phoenix München vorbereitet hat. Dieses Projekt entdeckt auf innovative Art die Verbindungen zwischen klassischer Musik und dem Liedschaffen der Gegenwart und ist gewissermaßen eine elisabethanische Ehrung für Nick Drake, die den Künstlern 2013 den prestigeträchtigen ECHO Klassik Preis einbrachte. Die Musik Nick Drakes wird hier mit dem Schaffen von John Dowland, Michael Cavendish oder Thomas Campion kontrastiert und so entsteht ein einzigartiges musikalisches Experiment.

Das Herz des Festivals, das von Beginn an in Česká Lípa schlägt, begrüßt außerdem das Duo zweier ausgezeichneter Künstler der Klassikszene – Jiří Bárta und Tereza Fialová, das Werke von Sibelius, Beethoven und Schostakowitsch spielen wird. In den Räumen des Zentrums für Textildruck führt der Klarinettist Karel Dohnal sein szenisches Projekt Harlekin auf. Das ungewöhnliche Werk von Karlheinz Stockhausen, das zu einem musikalisch-szenischen und Tanzstück bearbeitet wurde, bringt das Festival auch als Kindervorstellung für Schulen. Nach drei Jahren kehrt auch das hervorragende Prager Kammerballett nach Česká Lípa zurück, um hier sein neues Projekt Mysterium der Zeit zur gleichnamigen Komposition von Miroslav Kabeláč aufzuführen. Das Angebot in Česká Lípa wird durch einen Exkurs zur Weltmusik abgerundet – das renommierte deutsche Gitarrenduo Café del Mundo stellt sein Flamencoprojekt Dance of Joy vor. In Česká Lípa fand  im Frühjahr ein weiterer Jahrgang des Wettbewerbs Lípa Cantantes für junge Sänger statt, die sich dem klassischen Gesang widmen, der in diesem Jahr einen Teilnehmerrekord aufwies. Auch ein gemeinsam mit der lokalen Musikschule als Begleitveranstaltung des Festivals organisiertes Projekt findet seine Fortsetzung.

Die Präsentation deutscher Künstler beim Festival Lípa Musica findet ihre Fortsetzung in Prysk mit dem Auftritt des deutsch-tschechischen Duos Aurea, das mit seiner unkonventionellen Kombination von menschlicher Stimme und den Instrumenten Didgeridoo und Fujara zum Erbe Hildegard von Bingens und der im Kodex Speciálník aus Hradec Králové aufgeschriebenen Polyphonie der Frührenaissance zurückkehrt. Litoměřice, das in diesem Jahr neu aufgenommen wurde, begrüßt den bekannten deutschen Organisten Albrecht Koch, der in der dortigen Kirche Allerheiligen in die Tasten greifen wird. Das Konzert am Gedenktag des Hl. Wenzel bestreitet der deutsche Tenor Marcus Brutscher, der sich auf die Interpretation alter Musik und Opern spezialisiert und viele Erfolge bei seinen Auftritten und mit seinen Tonträgern feiern konnte. Brutscher wird bei Kompositionen von Bach, Zelenka und weiteren von unserer führenden Zymbalistin Barbara Maria Willi begleitet.

Die Festivalreihe für Kammermusik bereichert das Kulturleben vieler kleinerer Orte in den Bezirken Liberec und Ústí. 2017 gehört dazu auch ein Wiedersehen mit Zuzana Lapčíková, die ein Programm zum tschechischen Liedschaffen in den Bereichen Kunstlied und Folklore nach Zahrádky mitbringt. In Filipov bei Rumburk tritt der Kühn-Kinderchor auf, der ein Mosaik von Kompositionen aus Tschechien und der Welt mit Betonung auf dem Gegenwartsschaffen vorstellt. Nach Kamenický Šenov kommt das populäre Ensemble Hradišťan mit Jiří Pavlica. Doksy kann das Bennewitz-Quartett, eines unserer führenden Streichquartette, mit Kompositionen von Mozart und Dvořák begrüßen. Nach Děčín bringt Lípa Musica das Ensemble Barocco sempre giovane mit Igor Františák und einer Auswahl von Klarinettenkonzerten.

Die Aufführung alter Musik bildet langfristig eine bedeutende Ebene der Festivaldramaturgie. In diesem Jahr begrüßt das Festival gleich drei tschechische Ensembles, die sich der sachkundigen Interpretation widmen. In Stráž pod Ralskem erinnert das Collegium Marianum mit der Sopranistin Hana Blažíková an das Erbe des hier geborenen H. I. F. Biber und nicht nur an ihn. In der Klosterkirche von Konojedy, einer neu entdeckten Spielstätte, tritt im Oktober das Ensemble Inegal mit Domine Jesu Christe auf.

Die dritte Begegnung mit alter Musik findet auf deutscher Seite in der Johanniskirche in Zittau statt, wo das Ensemble Musica Florea das Mozarts Requiem erklingen lässt. Ein weiteres Konzert im grenznahen Sachsen bestreiten die Martinů Voices in Großschönau. Eine neu aufgenommene deutsche Festivalspielstätte ist die Grenzgemeinde Lückendorf, wohin der künstlerische Garant des Festivals Radek Baborák mit seinem Afflatus Quintett und Werken von Rejcha, Milhaud und Haas kommt. Das letzte Festivalkonzert, das zugleich auch ein Epilog der Tage der deutsch-tschechischen Kultur ist, wird der Auftritt des Ensembles Schola Gregoriana Pragensis mit dem Programm Antica e moderna begleitet vom deutschen Organisten Bernhard Marx in Dresden. Es wird ein Bestandteil des von den Bischöfen aus Dresden-Meißen und Litoměřice zelebrierten Dankgottesdienstes mit liturgischer Begleitung des gregorianischen Chorals.

Dem Festivalabschluss in Dresden gehen jedoch noch zwei größere symphonische Projekte mit dem Prager Kammerorchester, dem Festivalensemble unter Leitung von Radek Baborák,  voraus.  In Nový Bor stellt Radek Baborák sein Projekt Orquestrina mit vom Tanz inspirierten Kompositionen solcher bekannter Autoren wie Piazzolla, Kogan, Fauré, Laur oder Ravel vor. Für die tänzerische Komponente sorgen die aus der Fernsehserie StarDance bekannten Anna Polívková und Michal Kurtiš sowie Tereza Bufková und Tomáš Slavíček. Ein wirklich feierliches Abschlusskonzert wird dann die Mozart Gala mit einem der besten Mozart Interpreten der heutigen Generation - Adam Plachetka, das am 11. November im Theater F. X. Šaldy in Liberec stattfindet.

Für 2017 sind  23 Festivalveranstaltungen geplant. Im sechzehnten Jahr seiner Existenz bietet Lípa Musica so ein breites Spektrum an klassischer Musik sowie sorgfältig ausgewählte Überschneidungen mit anderen musikalischen und nichtmusikalischen Genres in internationalem Milieu und mit internationaler Besetzung an. Der deutsch-tschechische musikalische Dialog zieht sich wie ein roter Faden durch mehr als die Hälfte der Konzerte. Das Festival hat jedoch auch ein buntes Konzertangebot vorbereitet, das seine Heimatregion bereichert und an vielen Orten der Diözese Litoměřice schöne Musik in perfekter Interpretation erklingen lässt.

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